Die Liebe, die schon vergangen ist? 2019 und 2020

 
 
 
 
 
Die Liebe, die schon vergangen ist? 2019 und 2020
 
Vergleichen wir den Kunstmarkt einmal mit dem Dax: Laut einer Prognose Ende
Juni sollte er bis zum Jahresende noch über 14.000 erreichen, dann schloss er
mit nur 10.559 Zählern und einem 18%igen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr
ab. Nahezu alle Kapitalmärkte, bei der Kunst liegen solche Zahlen meistens erst
im März vor, haben 2018, insbesondere im Dezember, markante Rückgänge notiert.
Der Kunstmarkt, das ist bereits deutlich geworden, zeigt sich jedoch anders und
zeigt sich nie ganz. Die deutschen Auktionshäuser verzeichneten 2018 einen sehr
ordentlichen, oft zweistelligen Umsatzzuwachs. Christie’s und Sotheby’s behaupteten
ihre Spitzenposition und konnten Hauptwerke zum Beispiel von Kandinsky,
Kirchner und Kokoschka für jeweils über $ 20 Mio. und von Hockney und Hopper
für sogar über $ 90 Mio. zuschlagen. Aber was ist anders und wie sehen die Tendenzen
für 2019 und 2020 aus? 
2018 war das Jahr eines nie da gewesenenWettbewerbs. Einige wenige
Galerien expandierten, allen voran David Zwirner und Hauser &Wirth. Sie meldeten
wiederum den Zugriff auf wichtige Nachlässe und planen entweder Neubauten
wie Zwirner 2020 mit Renzo Piano in New York oder sie eröffneten neue Zweigstellen,
wie beide vor allem in Hong Kong. Hauser &Wirth begründeten zudem ihr
inhaltlich eng am Institute of Artists’ Estates der Berliner Fine Art Partners orientiertes
«Hauser &Wirth Institute», bei dem es um nichtkommerziellen Schutz und
die Pflege von Nachlässen geht. Der Handel hat sich somit weiter monopolisiert,
und es geht, wie Zwirner 2018 selbst im Interview sagte, um klares «Karrieremanagement
». Nach aussen treten gerade diese Galerien mehr und mehr philanthropisch
auf, sie publizieren, stiften und vergeben Stipendien. Hauser &Wirth definieren
ihre Galerie in Los Angeles als «lasting contribution» an die «community». Das
dortige Restaurant heisst nach dem Vornamen der Galeristin «Manuela», die ab
Dezember weltweit verlegte Kunstzeitschrift «Ursula» wiederum wird nach ihrer
Mutter benannt. Liest man denWikipedia-Eintrag zu David Zwirner, so gibt es
neben biographischen Angaben einen langen Absatz zu «Philanthrophy», zu seinem
Handel liest man aber nichts.
Hat eine Galerie die Verfügung über einen wichtigen Nachlass erreicht,
zahlen Käuferinnen und Käufer für die Werke oftmals doppelt so viel wie zuvor.
Sie bekommen dafür, Galerien argumentieren dann gerne wie Verkäufer von Gold,
«Sicherheit». Welche Sicherheit? Die Künstlerinnen und Künstler der monopolistisch
orientierten Galerien gelten als besonders arriviert. Durch den den hohen
Kapitaleinsatz, der sich durch hohe Preise finanziert, werden sie weltweit mehr
denn je auch in den Museen promoted. Das Modell des leveraged buyout (lbo)
greift so auf den Kunstmarkt über. Nach und nach spielen die sehr großen Galerien,
nach dem amerikanischen Steuersparmodell, die Rolle von Museen: Der gute
Galerist handelt wie sein eigener Trustee und verdient durchWohltaten Geld.
Zur angeblichen Intransparenz des Kunstmarkts, die so sprichwörtlich ist,
weil sich recht viele Marktteilnehmer einfach nicht auskennen, gehört eine noch
grössere, derzeit fast bestialische Konkurrenz zwischen den Auktionshäusern.
Das eigentliche Marketing, vergleichbar dem exklusiven Zugriff auf den Nachlass
wie bei Galerien, ist jeweils der Evening Sale, möglichst in New York oder
London und genährt von der Hoffnung, eine «White Glove»-Performance hinzulegen,
mit der alle angebotenen Lose verkauft und die oberen Schätzwerte möglichst
übertroffen werden. Genial erfolgreich sind in den letzten Jahren Auktionen
gewesen, die wie «Looking Forward to the Past» 2015 durch eine Beimischung
älterer Kunst bei einem Contemporary Sale für sensationelle Umsätze sorgten, in
jenem Fall $ 705,9 Mio. an nur einem Abend. Erfolge zeitigen seit mehreren Jahren
auch die inzwischen berüchtigten Garantiegeber, die Höchstgebote auf Spitzenwerke
einerseits befördern, indem sie Auktionshäusern das Risiko nehmen, andererseits
klebt Christie’s oder Sotheby’s oftmals eine Nylonschnur an der Gurgel,
die sich schmerzhaft zuzieht, wenn ein eigentlich mittelmässigesWerk von
Amedeo Modigliani zum Beispiel, das im Mai 2018 bei Sotheby’s für $ 157,2 Mio.
zugeschlagen wurde, den deutlich höher erwarteten Erlös nicht erzielt. Dann
sorgen «auction guarantee shortfalls» dafür, dass der Nettoerlös 2018 um Millionen
zurückgeht, denn man musste die Garantiegeber auszahlen. Leverage buyouts
sind auch hier einWeg, aber sie verursachen erheblichen wirtschaftlichen Schaden,
wenn es einmal nicht klappt.
es einmal nicht klappt.
«El amor que ya ha pasado», der melancholische Auftakt eines Lieds
des Buena Vista Social Club, spiegelt den immerwährenden Klang der Kunst.
Denn es geht, wie bei fast jeder Erinnerung, um Liebe, Freude und Schmerz.
Auf dem Kunstmarkt gelten Freude und Schmerz nicht nur finanziell. Sie manifestieren,
wenn es um echte Nachfrage angeht, die kulturelle Bildung einer Gesellschaft
und ihre jeweils aktuelle Suche nach Erkenntnis und Identität. Mit Hilfe
einer Geldausgabe für Kunst gedenken wir eigentlich einer von uns bestimmten
historischen Vergangenheit und zeichnen sie aus. Sie soll ein Teil unserer Geschichte
werden. Bevorzugen wir 2019 nach wie vor Personen oder sogar Stars? Oder
wollen wir ein wenig mehr die faktische Diversität von Kulturen anerkennen und
das Sammeln vielleicht in größerem Umfang sogar demokratisieren? Ersteres ist
in Hinblick auf unsere Ahnen und Liebsten nach wie vor ein gängiges Verhalten,
denn wir schätzen Vorbilder, die wir zu kennen glauben. Letzteres, insofern wir im
Westen endlich die Frauen kollektiv gleichzustellen versuchen oder die schwarzen
und indigenen Völker mit ihren eigenen Kulturen stärken, erfordert mehr und
mehr Offenheit, eine breitere kollektive Vergangenheit zu kultivieren. Das gibt für
2019 zu denken, es wird ohnehin mehr und mehr Umbrüche geben. So wird die
Tate in London ab Frühjahr 2019 die Kunst der letzten sechzig Jahre ohne die Präsenz
von Männern in ihrer Sammlung zeigen. Stärker denn je werden wir auch
spüren, was längst klar sein sollte, dass China bald mehr als ein Drittel zurWeltkultur
beitragen wird. Wir leben kulturell mehr denn je im Projekt und im Prozess.
2019 und 2020 werden auf dem Kunstmarkt, wie fast überall, grosse Umschichtungen
passieren. Nicht nur Ahnenporträts sind out. Wir alle, auch die Monopolisten,
dürfen uns weiterhin beeilen, weniger Fehler zu machen.
 
Dr. Thomas Kellein
Managing Director Bergos Berenberg Art Consult
thomas.kellein@bergos-berenberg.ch

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